Hier finden Sie regelmässig neue Literaturtipps aus dem Bereich des Gartenbaus und der Landschaftsarchitektur. Der gesamte Bestand der Gartenbaubibliothek ist im Katalog swisscovery der Schweizer Hochschulbibliotheken abrufbar. Bei Fragen zur Recherche und zu den Ausleih- und Nutzungsbedingungen können Sie sich gerne an uns wenden.
Geliehene Szenerien
Ein hochspannendes Kondensat aus Archiven von zehn Schweizer Landschaftsarchitekturbüros gibt Einblick in die Einbindung japanischer Elemente bei der Gestaltung Schweizer Wohngärten. Rahel Hartmann Schweizer präsentiert in diesem Bildband mit dem trefflichen Titel «Geliehene Szenarien» bedeutsame Pläne und Fotodokumentationen dieser Landschaftsarchitekturbüros, die sich auf die Zeitspanne der 1930er bis 1960er Jahre erstrecken, beginnend mit der Solothurner Gartenbauausstellung 1933 über den Diskurs und die Rezeption japanischer Gartengestaltung in der Schweiz.
Hartmann Schweizer kristallisiert dabei den Zen-Gartencharakter eindrücklich heraus: So finden sich hierzulande in Privatgärten Findlinge aus der Zeit der Gletscherwanderung, die nach der japanischen Gestaltungsphilosophie heute als Brunnen dienen, harmonisch eingebettet in Eibenhaine, verbunden mit dem Wohnhaus durch eine leicht abführende Treppe, deren einzelne Stufenplatten mosaikartig aus Schieferbruchstücken gefugt wurden und gewollt gekitteten Scherben einer Teeschale ähneln, die den Reiz des Unvollkommenen in einer Gesamtharmonie ausmachen.
Ein weiteres wichtiges Zen-Gestaltkriterium ist der Einbezug der unmittelbaren Umgebung, weshalb die Anordnung dekorativer Elemente wie Laternen, Brunnen sowie Gehölze nicht dem Zufall überlassen bleibt. Unter Einbezug von vielgestaltigen Strukturelementen wie Naturstein, Holz, Sand, Leinfasern und Wasserflächen, in denen sich der Himmel und die Umgebung spiegelt, wird dergestalt der Wohngarten zur verdichteten Natur, die dem Menschen das Zen der inneren Ruhe, Gelassenheit und der Achtsamkeit ermöglicht – auch in der Schweiz.
Rahel Hartmann Schweizer: Geliehene Szenerien. Der Einfluss japanischer Gartenkunst auf die Schweizer Landschaftsarchitektur.
Basel: Birkhäuser Verlag, 2024. Signatur BfG_Gb_84 555
Übergangsritus der anderen Art
«Grand Tour» wurden früher die Reisen genannt, auf denen der europäische Adel seine Söhne (und später auch seine Töchter) schickte. Während der wenige Monate oder auch mehrere Jahre dauernden Unternehmungen wurden unter anderem Kunstdenkmäler, Architektur und Landschaften in Europa erkundet und gleichzeitig Verbindungen geknüpft, die im späteren Leben dem beruflichen und gesellschaftlichen Vorankommen dienen sollten. Weltläufigkeit und Versiertheit in anderen Sprachen waren ebenfalls wichtige zu erreichende Ziele.
Richard Weller ist Professor für Landschaftsarchitektur und Urbanismus an der University of Pennsylvania und zeigt uns in seiner neuen Publikation eine Grand Tour der etwas anderen Art. Nichts weniger als die relevantesten Orte der Welt möchte er uns näherbringen – auf einer mentalen Reise, die unseren Planeten schont. Es sind nicht mehr atemberaubende natürlich geschaffene Landschaften und erhabene Kunstwerke, die vor uns liegen, sondern diese Reise lenkt unseren Blick auf Orte, die durch Menschenhand unwiderruflich verändert wurden. Sortiert sind sie nach Gemeinsamkeiten: Hyperobjekte, Paradiese, Utopien, Maschinen, Monster, Ruinen, Instrumente.
Beim Betrachten dieser Orte ist es nicht mehr Erhabenheit, die zu spüren ist, sondern ein Chaos aus Gefühlen, denen es sich lohnt, nachzugehen. Denn damit wirft der Autor die womöglich wichtigste Frage überhaupt auf: Was bedeutet es, in der heutigen Zeit Mensch zu sein?
Richard Weller: To the ends of the earth. A grand tour for the 21st century. Basel: Birkhäuser Verlag, 2024. Signatur: BfG_Gb_85 552
Was bedeutet Essen für die Landschaft?
In irgendeiner Form tun wir es (fast) alle täglich mindestens einmal: Wir führen unserem Körper Nahrung in verschiedenster Form zu und sorgen damit dafür, dass er optimal funktioniert. Essen kann reines Überleben oder elegantes Dinieren sein, aber immer ist es notwendig. In der Schweiz hinterlässt die Produktion von Nahrungsmitteln deutliche Spuren in der Landschaft, verändert Habitate von Mensch und Tier und lässt Naherholungszonen zu Kulturland werden.
Was in früheren Zeiten selbstverständlich war, nämlich die Produktion von günstiger Nahrung in grosser Masse, hat sich gewandelt: Die Landschaft muss zunehmend höchst unterschiedlichen Ansprüchen genügen. Sie soll die Menschen mit gesunden Lebensmitteln versorgen, die Natur gleichzeitig achten und die Verwendung von schädlichen Stoffen möglichst vermeiden. Zielkonflikte sind dementsprechend vorprogrammiert.
Die Ausgabe 2023 des Anthos-Jahrbuches widmet sich dieser Thematik und der Tatsache, dass Landschaftsarchitekt*innen darin eine wichtige Rolle übernehmen können. Agrarpolitische Debatten (Stichwort Biodiversität) verändern die landwirtschaftliche Arbeit ebenso wie zunehmende Bautätigkeiten und moderne Ernährungsgewohnheiten. Die Landschaftsarchitektur kann die zukünftige Entwicklung der Landschaft entscheidend beeinflussen.
Die Stiftung Gartenbaubibliothek hat dieses Jahrbuch zum Anlass genommen, ihre Veranstaltungsreihe nach dieser Thematik auszurichten. Vom 11. – 13. September 2024 konnte während drei Anlässen tief in dieses Thema eingetaucht werden.
Anthos – Schweizer Landschaftsarchitektur. Jahrbuch, No. 3, 2023. Zürich: Edition Hochparterre. Signatur: BfG_Gb_84 525/2023
Vorhang auf für eine faszinierende Pflanzenart!
Jonas Frei ist Landschaftsarchitekt und Illustrator, und hat für die SRF-Sendung Netz Natur als Redaktor gearbeitet. Mit grosser Detailverliebtheit hat er sich im vorliegenden Buch der Walnuss angenommen, einer Frucht, die wir des Öfteren wohl ziemlich gedankenlos verspeisen. Ihre Vielfalt zeigt Jonas Frei auf fast 300 Seiten, etwa mit Abbildungen der verschiedenen Nüsse in Originalgrösse, mit Querschnitten durch die Frucht und Fotografien von zarten Blättern und Sprossen. Dabei umzingelt er das Gewächs thematisch von allen Seiten, streift auf der Suche nach ausgestorbenen Sorten durch die zurückliegenden Erdzeitalter, beleuchtet die Kulturgeschichte der Walnuss und schafft umfangreiche Artenporträts.
Man sieht es dem ansprechend gestalteten Buch an, dass sein Entstehen nur dank der umfassenden Faszination möglich war, die der Autor für die Walnuss hegt. Die Publikation ist sowohl anschauliches, praktisches Nachschlagewerk als auch eine Schatzkammer mit Wissenswertem zu einer nur scheinbar uns allen reichlich bekannten Pflanze.
Jonas Frei: Die Walnuss. Arten, Botanik, Geschichte, Kultur. Aarau: AT Verlag, 2023. Signatur: BfG_Gb_34 25
Schiefgelaufen!
Im Leben läuft nicht immer alles perfekt, auch nicht am Arbeitsplatz. Das wissen auch die beiden Landschaftsarchitekten Vladimir Guculak und Paul Bourel, die anhand von rund 100 Beispielen schildern, was bei der Gestaltung im Aussenraum schieflaufen kann. Ihr Ansatz ist pragmatisch: Es soll nicht darum gehen, mit dem Zeigefinger empört auf die Fehler anderer zu zeigen, sondern eine Handreichung sein, um solche Fehler in Zukunft vermeiden zu können. Nebst dem Beschrieb des Missgeschicks ist deshalb auch immer Platz für eine Anleitung, wie man es inskünftig besser machen kann. Besonders schön: Der Hinweis auf «pedestrian desire lines», die bei der Planung von Gehwegen zu wenig beachtet werden und in ausgetretenen Pfaden und damit verlorener Vegetation resultieren.
Vladimir Guculak, Paul Bourel: Sh*tscapes. 100 mistakes in landscape architecture. Berlin: Jovis Verlag, 2024. Signatur: BfG_Gb_85 550
Das Liebesleben der Pflanzen
Joanne Anton ist eine Schriftstellerin und Künstlerin aus Belgien. Das vorliegende Buch wurde von einem botanischen Kurs inspiriert, den sie in Paris, im Jardin des plantes, besucht hatte. Ihre Faszination gilt insbesondere dem vielschichtigen Phänomen der Fortpflanzung, den zahlreichen Erfindungen und Entwicklungen, dank denen sich Pflanzen vermehren können. Mit viel Witz und zart gemalten Darstellungen beleuchtet sie die unterschiedlichen Strategien, die sich als überraschend fantasievoll erweisen. Die humorvoll betitelten Kapitel wie «An amorous aquatic ballet», «Pretend I’m someone else» oder «Flying away with your stuff» geben einen vertieften wissenschaftlichen und dennoch süffig geschriebenen Einblick in diese Vorgänge. Angepasst an ihre Umgebung, sei es in der Wüste, unter Wasser oder in Landschaften, die oft von Wildfeuern heimgesucht werden – überall können sich Pflanzen weiterverbreiten.
Anton, Joanne: Sexus Botanicus. The love lives of plants. Cambridge: MIT Press, 2023. Signatur: BfG_Gb_15 137
Der Garten in der Kunst
Als Schatzmeister war Meketre einer der höchsten Beamten im alten Ägypten. Er diente insgesamt drei Pharaonen und wurde nach seinem Tod mit höchsten Ehren beerdigt. In seinem prachtvoll ausgeschmückten Grab fanden sich eine Vielzahl von kleinen Holzmodellen, darunter die Darstellung eines Gartens mit sieben Maulbeerbäumen und einem Teich – ein Symbol für den Ort, an dem seine Seele im Jenseits ruhen würde.
Mit beiden Beinen im Diesseits stehen hingegen die beiden Menschen, die Martin Parr in ihrem Schrebergarten fotografiert hat. Aber auch dort geht es um ein artverwandtes Thema: Im Leben von Stadtmenschen ist der Garten ein idyllischer Traum, eine Illusion eines Garten Eden. Und eine Möglichkeit, sich in einer modernen technischen Welt wieder mit der Natur zu verbinden.
Seit Tausenden von Jahren haben Menschen überall auf der Welt Gärten erstellt, gehegt und gepflegt. Mit dem vorliegenden Buch wandern wir durch Zeit und Raum, entdecken Gärten in ganz unterschiedlichen Darstellungen und erfahren, mit welchen Absichten sie gebaut und mit welchen Hoffnungen und Sehnsüchten sie verbunden worden sind – und wie verschiedenartig das Motiv des Gartens in der Kunst und in der Grafik Verbreitung gefunden hat.
Garden. Exploring the horticultural work. London: Phaidon Press, 2023.
Signatur: BfG_Gb_84 539
Warum ist Landschaft schön?
Der Soziologe und Begründer der Promenadologie Lucius Burckhardt hat sich ein Leben lang mit dieser Frage beschäftigt und sie bildet auch die Grundlage für die nun vorliegende «Anthologie Landschaft». Nach beinahe vierzig Jahren im Archiv liegen neun umfangreiche Kapitel vor, die sich der Frage nach der Landschaft aus unterschiedlichen Blickwinkeln nähern. Das sorgfältig zusammengetragene und reichhaltige Material bildet in Kombination mit der Bildersammlung des Autors einen äusserst fruchtbaren Nährboden für die Beantwortung dieser zentralen Frage mit Blick auf je einen eigenständigen landschaftlichen Topos. Das wuchtige Werk umfasst knapp tausend Seiten und wird in Zukunft wohl auch als Thesaurus für all jene dienen, die sich mit raumwirksamen Tätigkeiten befassen, sei dies im Gartenbau, in der Architektur und Landschaftsarchitektur oder auch im Umweltschutz.
Burckhardt, Lucius: Anthologie Landschaft. Hrsg. von Thomas Kissling. Zürich: Lars Müller Publishers, case studio VOGT, 2023
Signatur: BfG Gb 85.534
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Bäumige Landschaftsgestaltung
Einst prägten Hochstamm-Obstbäume wie der Birnbaum das Landschaftsbild der Schweiz. Flächendeckend wurden sie auf dem Thurgauer Seerücken in klar definierten Reihen gepflanzt und beeindruckten durch ihre Wuchshöhe wie auch durch ihr ausladendes und ineinander greifendes Astwerk bereits aus der Ferne.
Das Landschaftsbild lichtete sich zwischen 1950 und 1970 drastisch als im Kanton Thurgau mehr als eine Million Hochstamm-Obstbäume wegrationalisiert und durch ökonomisch pflegeleichtere Niederstammkulturen ersetzt wurden. Heute findet man dort nur noch vereinzelte Hochstammbäume, die aus Nostalgie stehen gelassen wurden.
Die Fotografin Simone Kappeler hat 62 dieser letzten verbliebenen Hochstamm-Birnbäume auf dem Thurgauer Seerücken porträtiert und in ihrem schwarz-weiss Fotoessay dokumentiert.
Besonders bestechend dabei das Konzept der Bildbandgestaltung: Jedem einzelnen porträtierten Birnbaum ist eine Doppelseite gewidmet. Die rechte Bildseite zeigt jeweils das Bildobjekt, die linke Buchseite ist bewusst blanko gehalten und symbolisiert damit die durch den Kahlschlag entstandene «Lücke» in der ursprünglichen Anbauformation.
Lässt man diese dergestalt angelegte Bildserie beim Betrachten als Daumenkino durchlaufen, erweckt das den Eindruck von Verdichtung – so wie einstmals, als die Hochstamm-Birnbäume in dichten Reihen von 24 Metern Schrittlängen Abstand voneinander gesetzt waren – eine illustrierte Zeitreise mit der Illusion bäumig gestalteter Landschaft.
Kappeler, Simone: Der Birnbaum. Frauenfeld: Verlag Saatgut, 2022.
Signatur: BfG K 24.3832
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Grüne Experimentierfläche
Was für eine immense Bedeutung öffentliche und private Gärten haben, wurde wohl nicht wenigen Menschen erst während der Covid-Pandemie so richtig bewusst. Das Vitra Design Museum widmet sich in seiner aktuellen Ausstellung dem Garten und nähert sich ihm aus ganz verschiedenen und vielschichtigen Blickpunkten. Es werden manikürierte Rasenflächen ebenso unter die Lupe genommen wie die Liegestühle, Parkbänke, Unkrautbekämpfungsmittel und Mähroboter, die die grüne Fläche verschönern sollen. Welche politische Bedeutung von Gärten ausgehen kann und wie sie Ausdruck von gesellschaftlichen Idealen sein können, wird unter anderem anhand der Gartenstädte, der Anbauschlachten während des zweiten Weltkriegs und dem Guerilla-Gärtnern als Mittel zur Rückeroberung der Stadt ergründet. Ergänzt wird die faszinierende Lektüre mit einem Blick auf den Weltgarten, in dem wir uns alle befinden und der vor immensen Herausforderungen steht.
Und beim Besuch der Ausstellung nicht vergessen: Der Garten des niederländischen Landschaftsgärtners Piet Oudolf, der 2020 auf dem Vitra Campus angelegt worden ist und zu jeder Jahreszeit mit anderen Farben, Düften und Geräuschen lockt.
Garden Futures – designing with nature. Weil am Rhein: Vitra Design Museum, 2023. Signatur: BfG Gb 84.529
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